... aus dem Nichts kommend...

Am Montag spiele ich das Abschlusskonzert für meinen Master in Neuer Musik an der Folkwang Universität in Essen. Hier einige Gedanken zum Konzertkonzept.


Hallo liebe Lesende!


Vor zweieinhalb Jahren, mitten im ersten Lockdown, startete ich mein Masterstudium für Neue Musik an der Folkwang UdK in Essen. Ich hatte wirklich Glück im Unglück: Alle Konzerte und Projekte waren schlagartig ausgefallen oder auf unbestimmte Zeit verschoben, aber meine beiden Professor*Innen - Barbara Maurer und Günter Steinke - hatten innerhalb weniger Wochen beinahe das gesamte Studium auf Onlinebetrieb umgestellt. So lernte ich meine Kommiliton*Innen erst einmal als kleine Kacheln in Video-Meetings kennen.


Mittlerweile haben wir uns dann doch schon oft in Präsenz gesehen und viele Konzerte zusammen gespielt. Ich bin sehr dankbar für alle Eindrücke und die besonderen Menschen, die ich in den letzten Semestern kennenlernen durfte. In meinem Abschlusskonzert spielen einige dieser Freunde mit mir zusammen Werke von Iannis Xenakis, Brian Ferneyhough und Roman Haubenstock-Ramati. Dazu gibt es Solostücke von Helmut Lachenmann und Bruno Mantovani sowie eine Uraufführung von Frank Zabel, der einen Zyklus von Duowerken für meine Duopartnerin Alena Wilsdorf und mich geschrieben hat.


Das Konzert steht unter dem Motto „... aus dem Nichts kommend...“. Ich habe die Werke nicht zufällig ausgewählt, sondern es zieht sich ein Roter Faden durch den Abend. Für den Interessierten folgt hier mein Einführungstext aus dem Programmheft. Vielleicht ist ja der eine oder andere an diesen Gedanken interessiert. Kurzentschlossene können sich meine Auseinandersetzung mit diesen in „musikalischer Form“ am Montag, 11. Juli um 19:30 in der Neuen Aula der Folkwang UdK anhören.


Viele Grüße!

Sebastian

... aus dem Nichts kommend... (Auszug aus dem Programmheft)

Alle Musik beginnt und endet gleich:

Mit NICHTS.


Bevor das Werk beginnt - nichts.

Wenn es endet - nichts.


Jede Musik steht vor der Aufgabe, dieses nichts mit ETWAS zu füllen. Der Komponist, der das Werk schreibt, der Interpret, der das Werk in Schallwellen umsetzt und der Zuhörer, der die Schallwellen in seinem Ohr in Impulse umwandelt und in seinem Gehirn zu einer Struktur verbindet -

alle drei haben einen Anteil daran, dass auf einmal etwas da ist, wo vorher nichts war.


Natürlich ist nie NICHTS da.

Irgendetwas ist immer da. Wir sind durchgängig umgeben von Klängen. Das Gespräch mit dem Sitznachbarn kurz vor Konzertbeginn. Die Lüftung im Raum. Das Papier dieser kleinen rosa Hustenbonbons, die irgendein Herr in der vierten Reihe aus einer ganz ganz kleinen Manteltasche herausfummelt.


Und nicht nur die Klänge sind es, die vorher da sind.

Eine Vielzahl von Eindrücken: Wie der Raum aussieht, in dem das Konzert stattfindet. Wie sich der Sitz anfühlt, auf dem man Platz genommen hat.

Der Nachgeschmack des Hustenbonbons.


Und auch das ist noch nicht alles.

Denn auch immer schon vorher da - sind die Erwartungen.

Helmut Lachenmann hat einmal gesagt, dass er keinen Ton für Klarinette komponieren kann, ohne dass er das Klarinettenkonzert von Mozart mitkomponiert. Was er damit meint ist, dass jeder Zuhörer schon tausend Verbindungen in seinem Kopf gemacht hat, bevor überhaupt etwas passiert ist.

Es gibt also doch kein NICHTS auf der Bühne. Im Gegenteil- eigentlich ist die Bühne schon voll, bevor überhaupt etwas erklungen ist.


Aber wenn ein Komponist ein Stück komponiert, wenn ein Instrumentalist es aufführt, wenn ein Zuhörer ins Konzert geht, dann heißt das etwas.

Nämlich dass alle drei das Gefühl haben, dass etwas fehlt. Dass es irgendeine Lücke gibt, die gefüllt werden muss. Ich und Sie und der Komponist haben gesagt: Ich hätte gerne, dass auf dieser Bühne gleich ETWAS passiert.


Aber WARUM?

Woher kommt dieser innere Drang, ETWAS in das NICHTS zu setzten? Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt.

Vielleicht, weil ich sie für mich nicht eindeutig beantworten kann. Ich merke dass es diesen Wunsch in mir gibt, diesen Drang Musik zu machen - aber WIESO ich das machen will... Darauf habe ich keine Antwort.

Ich habe eine Vermutung: Dass in meiner Frage auch gleich schon die Antwort versteckt ist. Vielleicht mache ich Musik WEIL ich keine Antwort habe. Um diesen inneren Drang zu erforschen.


Dieses Konzert ist mein Versuch dieses WARUM zu berühren.

In den Werken, die wir heute spielen werden, beantworten Komponisten diese Frage alle auf unterschiedliche Weise. Jeder Komponist hatte eine andere Lücke die er füllen wollte.


Wieso ich spiele? Ich weiß es nicht.

Wieso ein Komponist schreibt? Vielleicht geben uns seine Werke eine Ahnung.

Wieso Sie zuhören? Auf diese Suche müssen Sie selber gehen.